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Informe
Jahrbuch
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Risiken erwachsen im Wahljahr 2015
aus den Schatten der langjährigen Rezession - sehr hoher Arbeitslosigkeit, gestiegener Ungleichheit, ge-
fallenen Einkommen, der Vielzahl zwangsgeräumter Wohnungen, dem reduzierten Handlungsspielraum des Staates bei anhaltenden Sparzwängen.
Obwohl das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr in Spanien so kräftig ansteigen könnte, wie in keinem anderen EU-Land, bleibt es vor allem
ein Wirtschaftsindikator. Über das Ende der Krise oder gar die Zufriedenheit der Gesellschaft gibt diese Kennziffer keine Auskunft. Zwar war
der Rückgang der Wirtschaftsleistung über fünf Jahre mit einer Zunahme des Unglücks für Millionen von Menschen in Spanien verbunden.
Doch gilt das in umgekehrter Richtung nicht unmittelbar, da der Anschluss an das frühere Wohlstandsniveau statistisch erst 2017 wieder
erreicht werden dürfte und das nicht unbedingt von allen betroffenen Teilen der Bevölkerung.
Im April hielten nach einer Umfrage
des Zentrums für Soziologische Studien CIS 70 Prozent der Befragten die aktuelleWirtschaftslage weiterhin für
schlecht bis sehr schlecht. Als größtes Problem bezeichneten die Menschen die Arbeitslosigkeit. Aber auch Korruption, Wirtschaftsprobleme, Politik und
die durch Sparmaßnahmen betroffene Gesundheitsversorgung treiben sie um. Die Gesellschaft wirkt insgesamt hellhöriger und kritischer. Sie reagiert
vor dem Hintergrund der erlebten Einbußen empörter auf die bekannt werdenden Fälle von Vetternwirtschaft und Korruption. Das hat nicht zuletzt
zu der Herausbildung junger politischer Kräfte beigetragen, der linken Bewegung Podemos (Wir können) und der bürgerlichen Partei Ciudadanos
(Bürger). Sie haben in den Kommunal- und Regionalwahlen am 24.5.15 erstmals die Herrschaft der seit Jahrzehnten imWechsel regierenden Parteien,
der Konservativen und der Sozialdemokraten (Partido Popular PP und Partido Socialista Obrero Español PSOE), aufgebrochen. Ein Linksrutsch in vielen
Regionen und Gemeinden zeichnet sich ab, darunter mit Madrid und Barcelona in den beiden größten Städten Spaniens.
Je dynamischer die Erholung sich makroökonomisch zu gestalten scheint, desto mehr
warnen Ökonomen und Kommentatoren die politisch Verantwortlichen davor, sich
im Wahljahr 2015 auf den Reformen auszuruhen oder gar in alte Verhaltens-, sprich
Verschuldungsmuster zurückzufallen.“