31 economía HISPANO - ALEMANA Nº 2/2026 Spanien steht nach Einschätzung von Villacís an einem strategischen Wendepunkt: Wie die Industriewirtschaft Straßen, Häfen und Flughäfen benötigt, braucht die digitale Wirtschaft Rechenzentren – physische Infrastruktur, ohne die weder digitale Zahlungen noch elektronische Rezepte noch Videotelefonie möglich wären. Die Wettbewerbsvorteile des Landes liegen auf der Hand: internationale Konnektivität, eine privilegierte geographische Lage, ausreichend Kapazität bei erneuerbarer Energie und verfügbaren Flächen und allgemeines Wachstumspotenzial. Vor diesem Hintergrund ist ihr Urteil eindeutig: „Spanien verfügt über sehr gute Voraussetzungen, um zum digitalen Hub Südeuropas zu werden.“ Während Deutschland für die industrielle Reife Europas steht, bringt Spanien Wachstumspotenzial, Skalierbarkeit und seine Rolle als digitales Tor im Süden Europas ein – und trägt damit dazu bei, die Resilienz und technologische Autonomie des Kontinents zu stärken. Energie und Nachhaltigkeit sind für Villacís kein getrennter Diskurs, sondern ein und dasselbe Gespräch. Neue Projekte müssen ambitionierte Effizienzstandards, erneuerbare Energiebeschaffung, moderne Kühlung und optimierten Wasserverbrauch einbeziehen. Spanien bringt einen klaren Standortvorteil mit: eine sehr wettbewerbsfähige Basis bei erneuerbaren Energien und eine führungsstarke Position bei PPAs – ein besonders wichtiger Faktor für eine energieintensive, langfristig ausgerichtete Industrie. Entscheidend ist jedoch, diesen Vorteil rechtzeitig in real verfügbare und an das Stromnetz angeschlossene Kapazität zu überführen. Wird der Ausbau der Strominfrastruktur nicht mit der digitalen Nachfrage in Einklang gebracht, könnte Spanien einen erheblichen Teil dieser Chance verlieren. „Wir können es uns nicht leisten, die digitale Wirtschaft des 21. Jahrhunderts auf einem Stromnetz des 20. Jahrhunderts aufzubauen.“ Im restriktiven Szenario würde die kumulierte Investition bis 2030 bei rund 43 Milliarden Euro liegen – gegenüber 66,9 Milliarden Euro im Basisszenario. Die Lösung liegt in einer besseren Planung, der Priorisierung ausgereifter Projekte und mehr Rechtssicherheit – eine Lektion, die Deutschland aus seiner eigenen Industriegeschichte gut kennt. Die Debatte über technologische Souveränität hat eine neue Dimension erreicht. Auch der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit Europas macht deutlich, dass Europa seine technologische Basis und seine strategischen Infrastrukturen stärken muss, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Rechenzentren bilden die physische Grundlage dafür, Daten von Verwaltung, Banken, Gesundheitswesen, Industrie und künstlicher Intelligenz zu speichern, zu verarbeiten und zu schützen. Die zentrale Schlussfolgerung von Villacís lautet: „Europas digitale Souveränität wird nicht durch Worte geschaffen, sondern durch unverzichtbare Infrastrukturen wie Rechenzentren.“ Dank seiner Konnektivität, seiner Rolle als natürlicher Knotenpunkt zwischen Kontinenten und seines Wachstumspotenzials bietet Spanien eine strategische Chance für Europa. Auf die Kritik, die in Deutschland und anderen europäischen Ländern laut wird – etwa mit Blick auf Energie- und Wasserverbrauch, geringe direkte Beschäftigungseffekte oder die steuerliche Verteilung mit den Kommunen –, antwortet Villacís mit Daten. SpainDC hat gemeinsam mit Sigma Dos das erste Barometer zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Rechenzentren in Spanien auf den Weg gebracht. Die Ergebnisse sind aufschlussreich: Die Bevölkerung bewertet die Bedeutung des Sektors im Durchschnitt mit 8,7 von 10 Punkten – auf einer Ebene mit anderen essenziellen Bereichen wie dem Gesundheitswesen oder den Streitkräften. 85,2% geben an, bereits von Rechenzentren gehört zu haben, und 73% sehen die Zukunft des Sektors positiv. „Was wir sehen, ist eine Kombination aus hoher Wertschätzung und noch unvollständigem Wissen“, sagt Villacís. Die Lehre daraus: „Man darf die Fragen nicht ausblenden; man muss sie mit Daten beantworten.“ Die autonome Region Aragón zeigt, dass der Ausbau von Rechenzentren dort gelingt, wo technische Voraussetzungen, territoriale Weitsicht und institutionelle Zusammenarbeit zusammenkommen. „Die große Lehre aus Aragón ist genau diese: Investitionen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie werden vorbereitet, strukturiert und begleitet.“ Doch Infrastruktur anzuziehen reicht nicht aus: Es muss gelingen, einen wachsenden Teil der Wertschöpfung im Umfeld zu halten – und das hängt vom Talent ab. Der Sektor braucht Profile in den Bereichen Energie, Kühlung, Betrieb, Wartung, Cybersicherheit, Automatisierung und Management kritischer Infrastrukturen. Villacís blickt dabei ausdrücklich nach Deutschland: „Hier könnten wir möglicherweise von Deutschland lernen. Die duale Ausbildung sorgt dafür, dass Qualifizierung nicht hinter dem Bedarf zurückbleibt und dass Ausbildung und Unternehmen nicht getrennte Wege gehen.“ Ein gut in das territoriale Umfeld integriertes Rechenzentrum ist nicht nur technologische Infrastruktur, sondern ein Hebel für qualifizierte Beschäftigung, Lieferketten und lokale Entwicklung. Für die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland plädiert Villacís für strategische Komplementarität. Europa braucht mehr digitale Kapazität, eine stärkere geografische Verteilung, mehr Autonomie und mehr Resilienz. Dafür müssen etablierte Hubs, etwa in Deutschland, mit expandierenden Standorten wie Spanien verbunden werden. Ihre Vision für 2030 ist klar: „Wenn Europa echte digitale Souveränität will, braucht es ein stärker verteiltes, weniger konzentriertes und besser vernetztes Infrastrukturnetz. Und dabei spielt Spanien als große Säule Südeuropas eine zentrale Rolle.“ Frankfurt bleibt die europäische Hauptstadt des Sektors, doch die Iberische Halbinsel entwickelt sich zum wachstumsstärksten Hub des Kontinents. Europas Stärke in der neuen Datenökonomie wird, so Villacís, aus seiner Vielfalt erwachsen: aus einem robusten Netz von Zentren ohne einseitige Abhängigkeiten.
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